Das Glaubensbekenntnis ist unzählige Male in Deutsch und Latein von mir gebetet, gesungen, aufgesagt worden. Es wurde mir neu wichtig, seit dem ich weiß wie ehrfürchtig Christen sich in früheren Zeiten ihrem Bekenntnis gegenüber verhalten haben. So war es undenkbar für sie, was wir nun schon seit Jahrhunderten tun, nämlich das Glaubensbekenntnis aufzuschreiben. Kein Christ hätte die Worte des Glaubensbekenntnisses auf Papier geschrieben, denn die Christen wollten ihr Bekenntnis nur denen mitteilen, die ernsthaft die Gemeinschaft im Glauben suchten. Ihr Bekenntnis sollte nicht in (toten) Buchstaben schwarz auf weiß dastehen, sondern immer bezeugt werden durch lebendige Menschen.
Der Kernsatz des Glaubensbekenntnisses ist: "Er ist auferstanden am dritten Tag." Diese Mitte unseres Glaubens feiern wir wieder an Ostern. Dies feiern wir Sonntag für Sonntag. Aber ist die Auferstehung auch die Mitte unseres kirchlichen Lebens? Kreist unser christliches Leben um Tod und Auferstehung Jesu, oder steht das nur schwarz auf weiß in unseren Gebetsbüchern? So manche Zweifel an der Auferstehung sind festgehalten in Umfragen. 56% der Deutschen halten die Auferstehung für abwegig. Jeder fünfte Kirchenbesucher hat Bedenken bei der leiblichen Auferstehung. Wer sich schließlich auf "harte Fakten" fixiert, findet dann noch manch Fragwürdiges in den Erzählungen von Ostern: Erdbeben, Blitze, Engel, ein Grab, das nach drei Tage schon wieder leer ist. Heute werden die Gräber frühestens nach 30 Jahren geräumt, kein Verstorbener lässt sich sehen oder betasten und nichts Spektakuläres stört die Grabesruhe.
Wer bei Fakten stehen bleibt, der steht bei den Dingen, die schwarz auf weiß festzuhalten sind. Diese Dinge aber sind tot, denn: "der Buchstabe tötet" (2 Kor 3,6). Vielleicht ist das der Grund, warum die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sich nicht lange mit Fakten beschäftigen. Wichtiger sind da lebendige Personen, vorwiegend Frauen, die durch die Fakten hindurch die Sache begreifen. Durch die Weltendinge hindurch schauen sie auf den Grund. Wie wenn man durch eine Maske die Person erkennen möchte, die da verborgen gegenwärtig ist. Sie schauen auf die Maske des Grabes und auf Todesdinge und erkennen durch sie hindurch Gott und seine Treue. Ihnen wird klar: Gottes Treue ist mächtiger als der Tod. Für diese Menschen ist es mit den Händen zu greifen: Jeder Tod ist gegenüber Gottes Treue machtlos. Dass bei dieser Erkenntnis nicht nur leblose Erdplatten beben, versteht sich fast von selbst. Hier beben Menschen - ergriffen von totaler Freude. Diese durchblickende Erfahrung verändert ihr Leben und wird zum Schlüsselerlebnis. Davon werden sie ein ganzes Leben lang zehren, um diese Ereignisse wird ihr Leben kreisen.
Heute nach zweitausend Jahren hat das Herzbeben stark nachgelassen. Die Auferstehung ist ein Ding aus ferner Zeit. Vieles dreht sich um das leere Grab. Daran muss man doch glauben, ist zu hören. Ob da nicht der Glaube an den Auferstandenen wichtiger wäre? Dieser Glaube kann aber nur leben, wenn nicht leblose Sachen zum Maßstab erhoben werden, sondern Christus selbst. Es gilt daher, sich nicht mit einem Grab aus ferner Zeit zu beschäftigen, sondern mit den Leblosigkeiten und Gräbern im Leben heute. Diese Dinge meines Lebens gilt es zu durchleben und zu durchleiden, bis sich mir in ihnen Tod und Auferstehung Jesu zeigen. Es geht also darum, die Verbindung meines Lebens mit Seinem Leben zu entdecken. In meinen Lebenswunden Seine Wunden zu sehen, in meiner Heilung Sein Heilen zu entdecken, und in meinem Aufbrechen und Aufstehen seine Auferstehung zu erfahren. Wenn das geschieht, sind die Worte unseres Glaubensbekenntnisses mehr als ein auswendig gelernten Text, dann werden diese Worte lebendig und lebensstiftend.
Stefan Peter, Kaplan