Kirchenführer

St. Johanneskirche in Bad Homburg - Kirdorf

Baubeschreibung

Orgel

Glocken

Ausmalung

Rundgang

Der Ort und die Pfarrei Kirdorf

 

Baubeschreibung

Die Kirdorfer St. Johanneskirche - erbaut in den Jahren 1858-1862 - gilt als eine der letzten großen Sakralbauten im spätklassizistischen Rundbogenstil in Deutschland, bevor dieser endgültig von der Neoromanik und Neogotik abgelöst wurde. Der Bau ist als eigenständige schöpferische Leistung des 19. Jahrhunderts zu betrachten, bei der dem Architekten, dem Mainzer Dombaumeister Ignaz Opfermann(1799-1866) eine Modifikation des byzantinischen Stils gelang. Charakteristisch für die klassizistische Tradition des Rundbogenstils ist das Streben nach Symmetrie, die nahezu völlige Gleichgestaltung der Gebäudeteile beiderseits der Längsachse, der Verzicht auf formale Variation der Details und die Stellung und Anordnung der Türme.

Der Bau befindet sich inmitten des Ortes in Hanglage. Die dreischiffige Anlage mit vorgesetzter Zweiturmfassade mit Vorhalle und Vorraum präsentiert sich mit einem breiten Mittelschiff und zwei halb so breiten Seitenschiffen zu jeweils drei Jochen, die nach hinten mit zwei Seitenkapellen abschließen. Vier schlanke Pfeiler tragen die Gewölbe, die als Flachkuppel gebildet sind. Der Abschluß der Seitenschiffe ist gerade, während der Chor mit einem halben Joch mit einem 6/12 Schluß endet. Die Gewölbe werden getragen von vier oktogonalen Pfeilern auf hohen Sockeln mit profilierten Abschlüssen. Die Pfeiler besitzen aufwendig geschmückte Kapitelle, deren Dekor aus Zungenblatt- und Palmettenornamenten, Engelsköpfen und Palmettenfriesen besteht. Das Innere überrascht durch eine Großzügigkeit der Architektur, die im Rhein-Main-Gebiet ihresgleichen sucht. Dem Grundriß liegt die Form eines Rechteckes zugrunde, in den bis auf die Apsis des Chores und eines kleinen Treppenhauses alle Räume in symmetrischer Anordnung untergebracht sind.

Wichtige Daten:

Erbaut 1858 - 1862

Eingeweiht 31.8.1862 durch den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler

Länge etwa 50 Meter

Breite etwa 23 Meter

Höhe etwa 23 Meter

Turmhöhe etwa 50 Meter

Sie ist die größte Kirche des Vordertaunus und wird im Volksmund deshalb auch als "Taunusdom" bezeichnet!

Orgel

Dreymann-Klais-Orgel

Baumeister des Hauptwerks der Orgel war der Mainzer Hermann Dreymann(1824-1862), der schon zwei Wochen nach der Einweihung verstarb. Die Schleifladenorgel mit 31 klingenden Registern und 1793 Pfeifen wurde 1964/65 von der Firma Klais, Bonn, renoviert und erweitert. Ein Rückpositiv, an der Bühnenbrüstung angehängt, erlaubte eine Vergrößerung mit herrlicher Klangwirkung mit nun 42 klingenden Registern, 4 Koppeln, 3 Manualen und Pedal mit insgesamt 2759 Pfeifen. Seit 1974 steht diese größte und im Bistum Limburg einzig gut erhaltene Dreymann-Orgel unter Denkmalschutz.

Glocken

Seit 1950 läuten wieder 4 Glocken der Gießerei Hamm, Frankenthal (elektrisches Geläute):

St. Johannes Bapt. 1760 kg c im Westturm

Sta. Maria 1030 kg es im Ostturm

St. Nazarius 750 kg f im Ostturm

St. Angelus Custos 446 kg as im Westturm

jeweils übereinander.

Die neuen Glocken von 1950 wurden mit einem Gesamtgewicht von 3986 kg bedeutend schwerer gewählt als 1862 eingeplant war (2901 kg). Um ein Mitschwingen der Türme zu verhindern, wurde 1971 eine Gegenpendelanlage zum Geläute notwendig.

Die große Glocke der Vorgängerkirche (Tonhöhe es) hängt in der Loge der rechten Sakristei.

 

Ausmalung

Die innere Ausgestaltung der Kirche wurde durch die Jugendstilausmalung des bekannten Günterslebener Kirchenmalers und Holzschneiders Augustin Kolb (1869-1942) und seiner drei Söhne Waldemar, Alban und Ferdinand Kolb in den Jahren 1923-1925 vollendet. In den Jahren 1961 und 1986 wurde die Ausmalung von der Firma Hembus, Kronberg, gesäubert und ausgebessert.

Kolbs Bilder und Ornamentik zeugen von beeindruckender flimmernder Leuchtkraft und ausgefeiltem Stil im Sinne der Beuroner Schule. Der tüpfelnde, mosaikartige, an byzantinische Kirchen erinnernde Farbenauftrag wurde als erster von ihm für die Monumentalmalerei benutzt. Auch die verwendete Schrift ist typisch für ihn. Die Kirdorfer Ausmalung darf mit Fug und Recht als das bedeutendste erhaltene Werk des Künstlers gelten!

Rundgang

(Zahlen) = Jahr der Stiftung

Eingangsportal (1906)

Sandsteinstatuen "Johannes der Täufer", "Petrus", "Paulus" und zwei Sandsteinreliefs "Pelikan" und "Opferlamm"

Äußerer Vorraum mit den Aufgängen zur Orgelbühne und zu den Türmen

Missionskreuz (1907)

Innerer Vorraum

Kreuz der Vorgängerkirche (1760); Madonna mit Jesuskind (1954) Schnitzwerkstätten Bergmann, Oberammergau

Innenraum

rechte Seite

Statue der hl. Hildegard von Bingen (1930)

Taufkapelle mit Taufbecken

Taufstein (1661) von Valentin Pistor (Becker), Pfarrer an St. Bartholomae (Frankfurt) seiner Heimatgemeinde Kirdorf für die nach dem im 30jährigen Krieg wieder errichtete Kirche gestiftet.

Gemälde "Taufe Jesu im Jordan" von Augustin Kolb

Gitter (1925)

Gemälde "Sakrament der Taufe" von Augustin Kolb

Predigt des hl. Bonifatius, Mönche taufen germanische Heiden, Anachronismen (Portraits von fünf Kindern des Künstlers Kolb)

Statue des hl. Josef (1898)

Gemälde "Sakrament der Firmung" von Augustin Kolb

Petrus und Johannes legen in Samaria den Gläubigen die Hände auf und erbitten den hl. Geist; Portrait Pfarrer Keutners, des Initiators der Ausmalung (rechts)

Statue "Herz Mariae" (1903)

Gemälde "Sakrament der Buße" von Augustin Kolb

Der hl. Ambrosius, Bischof von Mailand, erteilt dem reumütigen Kaiser Theodosius die Absolution für das Niedermetzeln von 7000 Menschen im Zirkus von Thessalonike im Jahre 390 n. Chr.; Selbstportrait Augustin Kolb

Seitenaltar des hl. Sebastian (1889)

geschaffen von Bildhauer Joseph Landmann (1850-1924) und Maler Valentin Volk (1850-1909) aus Mainz

in der Weihnachtszeit Standort des Bethlehemgemäldes des Malers Nettermann und der Krippe

Kommunionbank (1956)

Altarraum (verkörpert das Altarsakrament)

Im Bogen umrahmt von sechs von Augustin Kolb gemalten Engelsfiguren, die das Gotteslob darstellen (mit Geige, Laute, Gesang, Anbetung, Lilie, und Krone)

Gemälde "ECCE AGNUS DEI" (Seht, das Lamm Gottes) von Augustin Kolb über der rechten Sakristei Johannes der Täufer bekennt Jesus vor der Taufe

Zelebrationsaltar (1965)

aus Grafensteiner Marmor

Hauptaltar (1879/80)

als Flügelaltar geschaffen von Bildhauer Jakob Busch (1860-1916) und Karl Kreis(1861-1882) aus Hanau-Steinheim (Holzteile, Statuen und Malereien), 1952 von Ferdinand Kolb renoviert.

Der gemauerte Steinsockel stammt vom alten Altar, die Flügel (mit Darstellungen des hl. Petrus und Paulus, Michael und Aloisius sowie der Kreuztragung und des Kreuzweges Christi sowie neugotisches Maßwerk, Gesprenge und Verzierungen als obere Bekrönung)

wurden im Zuge der Ausmalung 1923 entfernt, die Figur des hl. Johannes auf die Kanzel versetzt und gegen den Pelikan und zwei Engel ausgetauscht.

Neben der Nische mit dem Kreuz über dem Tabernakel stehen Statuen der Gottesmutter und der Heiligen Josef, Franziskus, Antonius, Martin und Bonifatius (ursprünglich farbig, im Zuge der Ausmalung monochrom übermalt).

Fensterbilder über dem Hauptaltar (1914)

Darstellungen von Petrus, Immaculata, Jesus, Johannes der Täufer und Paulus

Firma F.X.Zettler, Hofglasmeister in München

gestiftet von Kirdorfer Familien

Chorgemälde"Dreifaltigkeit" von Augustin Kolb

Gottvater, auf dem Regenbogen sitzend, das Kreuz mit dem Sohn haltend, überschwebt von der Taube des hl. Geistes, umrahmt von zwei Engeln

Gemälde "ECCE ANCILLA DOMINI"(Seht, die Magd des Herrn) von Augustin Kolb über der linken Sakristei

Maria mit dem Engel im Verkündigungsbild

linke Seite

Seitenaltar der hl. Maria (1889)

geschaffen von Bildhauer Joseph Landmann (1850-1924) und Maler Valentin Volk (1850-1909) aus Mainz

Gemälde "Sakrament der Krankensalbung" von Augustin Kolb

Der hl. Martin von Tours spendet seinem Amtsbruder, dem hl. Liborius, gest. 397, die letzte Ölung.

Statue "Herz Jesu" (1903)

Kanzel (1862)

An der Außenseite fünf vergoldete holzgeschnitzte Reliefs von Alban Kolb (1925): Jesus und die vier Evangelisten: Matthäus (menschliche Gestalt), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler)

Auf dem Schalldeckel die Statue des Kirchenpatrons Johannes des Täufers, auf der Innenseite Darstellung des hl. Geistes (Taube)

Treppe von 1957

Gemälde "Sakrament der Priesterweihe" von Augustin Kolb

Der hl. Bonifatius wird in Rom von Papst Gregor zum Bischof geweiht.

Mehrere Anachronismen zeitgenössischer Personen (Bischof Ketteler, Bischof Kilian, Pater Bernardin, Pfarrer Wohlrabe, Pfarrer Rath, Pfarrer Maibach, Julius Hembus, August Birkenfeld)

Statue der hl. Elisabeth (1899)

Gemälde "Sakrament der Ehe" von Augustin Kolb

Heirat zwischen der hl. Elisabeth und Ludwig von Thüringen im Jahre 1221

Gedächtniskapelle mit Pieta (1904)

Trauernde Gottesmutter Maria mit dem Leichnam Jesu

aus den Schnitzwerkstätten Bergmann, Oberammergau

Gedenktafeln mit den Namen der Gefallenen der Kriege 1870/71 und 1914/18

Kerzenopfer für alle Toten (insbesondere die Kirdorfer Opfer der beiden Weltkriege (84 im ersten, 204 im 2. Weltkrieg)

Statue des hl. Antonius von Padua (1930)

Der Ort und die Pfarrei Kirdorf

Weltliche Herren:

843 - 892 Grafschaft Niddagau des Ostfränkischen Reiches

892 - 1232 Kloster Lorsch

1232 - 1803 Erzbistum, ab 1356 Kurfürstentum Mainz,

1535-1581 verpfändet an die Grafen von Stolberg-Königstein, dann Rückgabe an Mainz

1803 Nassau Usingen

1803 durch Tausch gegen Espa an Hessen-Homburg

1803 - 1866 Landgrafschaft Hessen-Homburg

1866 mit der Landgrafschaft an Preußen

1902 Eingemeindung nach Homburg endgültig

Geistliche Herren:

  1. - 1232 Kloster Lorsch

1232 - 1803 Erzbistum Mainz
(1540-1606 durch Übertritt der Stolberger lutherisch,

ab 1606 wieder katholischer Ritus)

1803 - 1821 Generalvikariat Aschaffenburg

1821 - 1836 Rom direkt unterstellt

1836 - 1884 im neuen Bistum Mainz

1884 - dato im 1827 gegründeten Bistum Limburg

Vorgängerkirchen

Schon 892 hieß Kirdorf im Lorscher Codex "Kirchdorf im Niddagau". Der Ort hatte also damals, aber sicher schon viel früher, eine Kirche. Urkundlich erwähnt wird eine Kirdorfer Kirche, die wohl bei der Brendelburg am Rabenstein stand, erstmalig im Jahre 1229.

Der Ortsname Kirdorf ist eine Abwandlung von Kirchdorf.

Die erste nach Lage und Größe sowie im Stil bekannte Kirche wurde 1622 im Dreißigjährigen Krieg mit dem gesamten Ort durch die Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig zerstört.

Bodenfläche: 11 x 17m / etwa 190 m²

Lage: diagonal unter der heutigen Kirche in Ost/West-Richtung

Die zweite Kirche (1650-1751) auf dem heutigen Standort war auf den Grundmauern der alten errichtet. Sie war wie die vorherigen Kirchen Marienkirche ("Unserer lieben Frauen Altar")

Die dritte Kirche, die erste Johanneskirche (1751-1858), wurde auch auf den alten Grundmauern errichtet, aber nach Osten hin verlängert.

Bodenfläche: 11 x 25 m / etwa 280 m²

Die vierte Kirche ist die heutige St. Johanneskirche.

Lagekarte von 1826

Gestrichelt gezeichnet:

- heutige St. Johanneskirche

- neue Teile der Umfassungsmauer von 1862

- Anbau an das Pfarrhaus von 1906

Die Vorgängerkirchen standen von West nach Ost im alten Friedhof (der neue Friedhof an der Friedensstraße war schon 1813 eingeweiht). Die heutige St. Johanneskirche füllt fast 2/3 des Gesamtplatzes von Süd nach Nord.

Arbeitsgemeinschaft "Unser Kirdorf"

Lilo Friedrich Ernst Gerecht Stefan Ohmeis