Gemeinde zwischen Vergangenheit und Zukunft

 

Vier Ansprachen und eine Besinnung

 

 

Nachlese zum Fest "20 Jahre des Gemeindezentrums
St. Franziskus" am 18./19. November 2000

 

Das Schicksal der Ansprachen (Georg Kohl)

Das 20ste Geburtstag - Anlass zur Besinnung (Pfarrer Norbert Leber)

Gemeinde und Kirche (Pastoralreferent Dr. Thomas Hammer)

Blick zurück - Blick in die Zukunft (Maria Scholz)

Jubiläumstag St. Franziskus (Pfarrer Josef Schäfer)

Besinnung auf die Aufgaben einer Kirchengemeinde (Georg Kohl)

 

 

Das Schicksal der Ansprachen

Georg Kohl

Zu jedem Fest gehören Ansprachen und Festreden. Auch bei dem Fest "20 Jahre Gemeindezentrum St. Franziskus" war es so. Ich habe mir diese Ansprachen genau angehört, über sie nachgedacht und sie mit meiner Frau und unseren Freundinnen und Freunden besprochen. Möglicherweise würden auch andere Menschen, die diese Ansprachen gehört haben, gerne darüber noch diskutieren. Nach einer gewissen Zeit kann man sich jedoch nicht an alles erinnern.

Das gesprochene Wort ist - physikalisch gesehen - nur eine Luftschwingung. Die in Schwingungen gebrachte Luft transportiert die Worte und Sätze. Die gesprochenen Worte und Sätze und die mit ihnen bedeutungsvoll verbundenen Gedanken, Ideen, Anregungen haben wegen ihrer physikalischen Transportmittel eine eng begrenzte Wirkungsdauer.

Das gilt nicht nur für die gesprochenen Worte und Sätze, sondern auch für umfangreiche Reden und Ansprachen. Die physikalische Basis der Reden und Ansprachen ist also eine äußerst brüchige Angelegenheit. Es interessiert aber kaum jemanden, wie die Übertragung der gesprochenen Worte und Sätze, Reden und Ansprachen physikalisch funktioniert. Viel interessanter sind die Inhalte, die Ideen, die Gedanken, die Botschaften, die die Redner mitteilen wollen. Und wenn die Inhalte gut vorgetragen werden, kann eine Rede die Menschen trotz der brüchigen physikalischen Grundlage begeistern.

Das alles aber ändert nichts an der Tatsache, dass jede Rede und Ansprache verschalt und verhallt, mit Applaus oder einem "Amen" beendet ist. Auch wenn wichtige und gute Inhalte, Ideen, Gedanken, Botschaften in der Ansprache enthalten waren, ist ihre weitere Wirkung ungewiss.

Ich bin überzeugt davon, dass die Ansprachen bei dem Fest "20 Jahre Gemeindezentrum St. Franziskus" einige wichtige Inhalte, Ideen, Gedanken, Botschaften angesprochen haben. Es könnte sinnvoll sein, sich diese Inhalte wiederholend noch mal zu vergegenwärtigen, sich mit ihnen zu beschäftigen und - vielleicht – aus ihnen irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Dazu müsste man die Reden schriftlich vorliegen haben.

Deshalb habe ich die eine Rednerin und die drei Redner gebeten, mir Ihre Texte zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit meiner Frau haben wir die bereitgestellten Manuskripte abgetippt und redaktionell bearbeitet. In dieser kleinen Broschüre wollen wir die Reden und Ansprachen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Denn die Gedanken, Ideen und Anregungen aus diesem Fest sollten nicht das gleiche Schicksal haben, wie das gesprochene Wort - mit dem Verhallen der Luftschwingung verschwunden zu sein.

Der geneigte Leser findet hier die Ansprache von Pfarrer Norbert Leber, mit der er den Festgottesdienst am 19.11.2000 um 11.00 Uhr eingeleitet hat. Dem folgt die Festpredigt vom Pastoralreferent Dr. Thomas Hammer, die bei dem gleichen Gottesdienst vorgetragen wurde.

Es folgen die Festreden von Maria Scholz, der langjährigen Vorsitzenden des Kirdorfer Pfarrgemeinderates, und von Pfarrer Josef Schäfer, dem Kirdorfer Pfarrer in den Jahren 1971 bis 1981, in der Zeit, in der das Gemeindezentrum geplant, gebaut und eingeweiht wurde. Eine Besinnung über die Aufgaben einer Kirchengemeinde habe ich als nüchterne Ergänzung der Festreden eigenwillig angefügt.

Diese Broschüre ist in erster Linie für die Teilnehmer und Besucher des Festes zum 20jährigen Geburtstag von St. Franziskus bestimmt. Aber auch an diejenigen haben wir bei der Herausgabe gedacht, die bei dem Fest nicht dabei waren und sich informieren wollen. Nach der Information sollte eine Diskussion über die angesprochenen Themen in der Gemeinde entstehen.

 

 

Das 20ste Geburtstag - Anlass zur Besinnung

Pfarrer Norbert Leber (Einleitung zu dem Festgottesdienst)

+ Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unser Herr und Bruder Jesus Christus, der uns als seine Gemeinde versammelt, sei mit euch.

Liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich, die Sie zu unserem Festgottesdienst aus Anlass von "20 Jahre Gemeindezentrum St. Franziskus" gekommen sind. Mein besonderer Gruß gilt auch allen Gästen.

20 Jahre - ist das denn ein Grund zum Feiern? Man sagt: Wer ein 20jähriges Jubiläum feiert, (der) befürchtet, das Silberne nach 25 Jahren nicht mehr zu erreichen. - Ist das bei St. Franziskus wohl so der Fall? - Ich glaube beruhigt sagen zu können: Nein!

Was aber dann ist der berechtigte Grund zum Feiern?

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Da ist es gut und heilsam, immer wieder einmal inne zu halten. - Das wird uns heute ermöglicht. Die Besinnung auf 20 Jahre St. Franziskus lässt uns innehalten. Wir schauen zurück auf die Anfänge und schauen nach vorn, wie es weitergeht. - Wir beleuchten die Entwicklung von St. Franziskus inmitten seiner Umgebung. Und wir fragen nach dem Auftrag für heute. - Näher hin wird sicher in der Predigt Herr Dr. Hammer darauf eingehen.

Aus meiner Sicht möchte ich drei beachtenswerte Aspekte benennen und drei Fragen dazu stellen:

  1. St. Franziskus ist Teil der Gesamtpfarrei St. Johannes: Wie vertragen sich in einer Gemeinde die vielen Glieder; wie wird Unterschiedliches akzeptiert und auch als Bereicherung erfahren?
  2. St. Franziskus lag einmal inmitten eines Neubaugebietes und rund um St. Franziskus entsteht (auch jetzt noch) immer wieder Neues: Welchen Auftrag haben wir als Kirche und christliche Gemeinde inmitten unserer Welt, auch unserer Stadt? Tragen wir unseren Teil bei; stellen wir aber auch kritische Anfragen da, wo es sein muss?
  3. Das katholische Gemeindezentrum St. Franziskus und das evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Haus liegen nur durch die Strasse getrennt einander gegenüber: Wie steht es um die Ökumene? Suchen wir trotz mancher Schwierigkeiten beharrlich Wege zueinander; setzen wir uns aber auch offen und ehrlich mit dem auseinander, was noch ungeklärt zwischen uns steht?

Liebe Gemeinde!

So kann vieles uns heute bewegen, wenn wir 20 Jahre Gemeindezentrum St. Franziskus begehen. - Ich wünsche uns Zuversicht für unsere Gemeinde, die Zuversicht, die ein heiliger Franziskus in seiner Zeit für die Kirche hatte, die damals durchaus unter manchen Schieflagen litt.

Mit unseren Bitten um sein Erbarmen wollen wir uns jetzt an Gott wenden.

 

Gemeinde und Kirche

Pastoralreferent Dr. Thomas Hammer (Festpredigt)

Liebe Christinnen, liebe Christen!

den 20jährigen Geburtstag von Kirche und Gemeindezentrum St. Franziskus, das feiern wir an diesem Wochenende. Nicht mehr ganz jung hat St. Franziskus in den vergangenen Jahren durchaus ein eigenes Profil entwickelt. Es ist Ort der Begegnung für junge Familien, die Familiengottesdienste ziehen Eltern wie auch Kinder an es bietet den verschiedenen Gruppierungen Platz für ihre Aktivitäten. Das Angebot reicht vom Säuglingspflegekurs über den Jugendclub bis hin zum Treff der Franziskusfrauen. Gewissermaßen stellt es, und da zitiere ich jetzt Frau Scholz, den einen Brennpunkt der Ellipse St. Johannes/St. Franziskus dar.

Vieles zum Gebäude, aber auch zum Namenspatron unserer Kirche, dem Heiligen Franz von Assisi, wurde bereits gestern gesagt, dargestellt und musikalisch dargeboten. Und auch heute Nachmittag werden wir hierzu noch einiges hören. - Was mich jetzt aber vor allem interessiert ist: Wenn wir den 20jährigen Geburtstag unseres Gemeindezentrums feiern, wen oder was feiern wir denn da wirklich, in eigentlichen Sinn? - Wohl kaum das Gebäude oder den heiligen Franz. Sondern wir feiern die Gemeinde Jesu Christi hier vor Ort. - Die Gemeinde Jesu Christi hier vor Ort: Was hat es mit dieser Gemeinde auf sich? Wer ist das? - Ich denke, es lohnt sich schon - gerade heute, aus Anlass unseres Festes - einmal ein wenig diesen Fragen nachzugehen.

Wir sind also die Pfarrgemeinde St. Johannes/St. Franziskus. Wir sind eine Gemeinschaft aus Jungen und Alten, aus Frauen, Männern und Kindern, aus Engagierten und sogenannten Fernstehenden, aus Laien, Hauptamtlichen und Priestern. Wir sind ein Teil der Kirche, die sich über den ganzen Erdkreis ausbreitet und tief in der Vergangenheit wurzelt. Wir sind ein kleines Steinchen im grossen Mosaik, ein winziger Faden im Teppich, ein vielleicht unscheinbarer Zweig am grossen Baum der Kirche.

Und doch ist bei uns, auch in diesem Teil das Ganze anwesend. Hier, in unserem Gemeindezentrum ereignet sich Kirche. Hier hören wir das Wort Gottes, hier versammeln wir uns zur Eucharistiefeier. Hier, genau hier, ist uns Jesus Christus nahe und setzt sein heilendes und heiligendes Wirken durch uns fort. Wir sind seine Kirche.

Aber wer oder was ist Kirche? - Ich möchte eine Antwort (auf diese Frage) nicht bei den grossen dogmatisch-theologischen Definitionen suchen, sondern sie dem Evangelium entnehmen! Denn das Evangelium spricht von der Kirche nicht in abstrakten Begriffen, sondern in (anschaulichen) Bildern; in vielen Bildern, die sich gegenseitig ergänzen, aber auch begrenzen. Drei dieser biblischen Bilder will ich mit Ihnen etwas näher betrachten.

Das ist zunächst das Bild von der Kirche als Acker Gottes. Auf diesem Acker, auf diesem Feld sollen Früchte wachsen, die Früchte des Geistes. Paulus zählt sie auf: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Hoffnung, Glaube, Gerechtigkeit. Solche Früchte wachsen nicht von selbst. Der Boden muss bereitet, das Unkraut muss gejätet werden, das sich immer wieder breit macht: das Unkraut des Streits, der Rechthaberei, des Klatsches und der Intrige.

Damit die Saat aufgehen und wachsen kann, ist auch ein bestimmtes Klima vonnöten. Ein Klima das nicht geprägt ist von Eigensucht, Geschäftssinn und Gewinnsucht. Kein Zweifel, unser geistiges und gesellschaftliches Leben ist oft nicht gerade dem Wachstum des Glaubens förderlich. Aber dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, sind wir von Gott zur Mitarbeit aufgerufen, aufgerufen den Acker unseres eigenen Lebens mit Gottes Hilfe zu bestellen, damit der Same des Wortes Gottes aufgeht, wächst und Früchte bringt.

Ein weiteres Bild für die Kirche ist das vom Leib Christi. Was bedeutet dieses Bild? - Es bedeutet, dass Jesus Christus mehr ist, als nur eine historische Persönlichkeit, deren Konturen wir nur schwer ausmachen können. Es bedeutet, das Jesus Christus, der Auferstandene, als das Haupt durch uns alle, die Glieder seines Leibes, sein Wirken in dieser Welt fortsetzt - durch uns fortsetzt. Wir sind seine Hände, die die Menschen pflegen, die helfen, die stützen. Wir sind sein Mund, der die frohe, freimachende Botschaft weitergibt und von der Liebe Gottes, seiner Nähe und Menschenfreundlichkeit erzählt. Wir sind seine Augen, die sich dem Leid und der Freude der Menschen nicht verschliessen. Wir sind sein Herz, das offen steht für die zu kurz Gekommenen, für die Trauernden, für die, die es schwer mit sich und anderen haben. Wir sind seine Füsse, die nicht stehen und warten, sondern unterwegs sind, um die frohe Botschaft zu bringen. - Kirche - das ist das Wirken Jesu Christi durch uns, das sind unsere Worte und Taten aus seinem Geist.

Ein letztes, personales Bild für die Kirche, das ich anführen möchte, ist das Bild der Mutter, der Gottesmutter. - Was meint dieses Bild von der Kirche als Mutter? - Ich möchte es zunächst einmal negativ (in drei Aussagen, was die Kirche nicht ist) fassen:

Die Kirche ist Mutter - d.h. sie ist keine Behörde, in der Beamte den Glauben verwalten und die Bürger sich vor den Schaltern anstellen müssen. Wenn die Kirche zur Behörde degeneriert, dann entspricht sie nicht dem Auftrag Jesu Christi.

Die Kirche ist Mutter - d.h. sie ist kein Betrieb, in dem alles funktionieren muss, und der Einzelne lediglich ein austauschbares Rädchen im grossen Getriebe ist. Wenn Kirche sich als Betrieb verstünde, würde sie dem Auftrag Jesu Christi nicht entsprechen.

Die Kirche ist Mutter - d.h. sie ist auch kein Laden, in dem die Verkäufer ihre Waren anpreisen und feilbieten und je nach Konjunktur mal die Preise senken oder anheben. Würde sie diesen Eindruck machen, würde sie dem Auftrag Jesu Christi nicht entsprechen.

Die Kirche - unsere Gemeinde - ist Mutter, die für ihre Kinder sorgt, die sich kümmert, die ein offenes Ohr hat, die mitgeht, die behütet, die tröstet, die feiert usw.

Ich wünsche uns, unserer Gemeinde St. Johannes/St. Franziskus, und uns hier im Gemeindezentrum von St. Franziskus, dass es uns immer mehr gelingt gemäß den biblischen Bildern Gottes Acker, Leib Christi und Mutter für alle Menschen zu sein! Dazu möge uns Gott segnen. Amen.

 

Blick zurück - Blick in die Zukunft

Maria Scholz (Festrede)

Sie sind hierher gekommen, um den 20. Geburtstag unseres Gemeindezentrums St. Franziskus zu feiern. Gern möchte ich Sie noch weiter als zwanzig Jahre zurückblicken lassen, denn bis zur Geburt dieses Hauses war so manche Überlegung anzustellen, und die Verantwortlichen aus der Pfarrgemeinden St. Johannes und Gedächtniskirche hatten viel gearbeitet, bis die Einweihung erfolgte.

Versetzen Sie sich bitte mit mir um weitere zwanzig Jahre zurück – wir stehen 1960 an der heute bekannten Abzweigung Hofheimer Straße; hier endet der Gluckensteinweg, und wir schauen über Äcker und Wiesen direkt nach Dornholzhausen, haben ganz freien Blick. Nur nach rechts sehen wir Eichenstahlhäuser entlang der Hofheimer Straße linke Seite. Diese sind der Beginn der groß angelegten Ausweisung von Baugelände, auf dem die Stadt Bad Homburg dem Bedarf nach Wohnungen verschiedener Art gerecht werden will. Bereits drei Jahre später werden die Hollandhäuser bezogen und wird an der Schneidhainer Straße gebaut. Schließlich wächst 1966 das Hochhaus am Gluckensteinweg, ich zog ein und ich konnte von oben herab auf das Grundstück schauen, das unser Herr Dekan Born für die Kirchengemeinde St. Johannes bereits 1962 durch Kauf und Tausch in der Größe von 7803 m² erworben hatte. Er dachte auch bereits daran, mit der evangelischen Gedächtniskirchengemeinde die Nutzung des Geländes zu planen, weil diese in der Nähe ebenfalls ein Grundstück erworben hatte.

In den nächsten Jahren – 1962 bis 1965 – fand in Rom das Zweite Vatikanische Konzil statt, aus dem die Synodalordnung in unserem Bistum Limburg hervorging. Ihr Ziel: Gemeindemitglieder sollen das Leben der Kirche mitverantworten und mitgestalten dürfen. Als sichtbares Zeugnis dieser Idee wurde im Chorraum der Kirche ein Altar aufgebaut, an dem der Priester den Gläubigen zugewandt zelebrierte. Dekan Born nannte diese Änderung des Altares das "Bild der neuen Gemeinsamkeit." Im März 1969 wurde der erste Pfarrgemeinderat gewählt.

Eine seiner ersten Aufgaben war: gemeinsam mit der evangelischen Gedächtniskirchengemeinde ein Gemeindezentrum zu planen und über Angebote und Aufgabenteilung zu beraten. Als 1970 aus Limburg die Nachricht kam, es seien keine Finanzmittel zu Verfügung, schlug Kaplan Neumann vor, eine Notkirche aus der Nordweststadt zu übernehmen (Ab- und Aufbau 60. 000 DM), um wenigstens Gottesdienst halten zu können. Dazu kam es nicht aber dieses Ziel blieb ein Schwerpunkt. 1971 wurde in Limburg eine "Mehrzweckhalle Eichenstahl" in die Liste der Planungen aufgenommen.

Zu diesem Zeitpunkt verließ Dekan Born unsere Gemeinde, in den Ruhestand gehend. In den Abschiedsreden wurde er "ein Verfechter der ökumenischen Idee" genannt, die er zu ersten Ergebnissen gebracht habe, - ein wohl verdientes Lob.

Weitergeführt wurde diese Aufgabe von Pfarrer Josef Schäfer, als im Pfarrgemeinderat einer der ersten Beschlüsse zu der "Mehrzweckhalle Eichenstahl" gefasst wurde. Ab nun heißt das Thema "Planung der Bebauung" des Geländes am Gluckensteinweg. Am 7. Juni 1972 wird beschlossen, gemeinsam mit der Gedächtniskirchengemeinde eine Befragung der Einwohner dieses Gebietes durchzuführen, um deren Vorstellungen und Wünsche zu erkunden. Die Fragebogen werden erstellt und persönlich in die Häuser gebracht. Anfang Oktober lautet das Ergebnis: Nach der Vorgabe eines Gottesdienstraumes werden Gruppenräume, Räume für Ältere und Freispielflächen gewünscht.

In Gesprächen in Limburg wird das Ziel erörtert, drei Möglichkeiten stehen an:

  1. sofort eine eigene Pfarrei gründen
  2. erst Teil von St. Johannes bleiben, danach Eigenständigkeit erlangen
  3. Teil einer Großpfarrei, also Verbleib in St. Johannes.

Die dritte Möglichkeit haben wir heute, und damit wollen wir arbeiten. Nach wie vor gilt für uns heute das, was Pfarrer Schäfer damals in einer Betrachtung im Pfarrgemeinderat sagte:

6. Juni 1973 – nach Paulusbrief: "Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, den Glauben in der Gemeinde nur in der gewohnten Form zu leben, sondern müssen ständig bestrebt sein, auf den hinter der Form stehenden Inhalt vorzustoßen."

Wenn auch langsam, aber nun geht es doch voran.

1974 beschließt der Pfarrgemeinderat ein "Zentrum mittlerer Größe". Daran schließt sich eine weitere Sitzung von Pfarrgemeinderat St. Johannes und Kirchenvorstand der Gedächtniskirche. Darin werden die Planungen beider Seiten vorgestellt, von uns wird ein Bauprojekt mit rund 1000 m² Nutzfläche erläutert.

1975 – vor der nächsten PGR – Wahl wird die Anerkennung des "Ortsteils Eichenstahl" gewährt. So wird in zwei Stimmbezirken gewählt. Es wohnen von rund 6000 Gemeindemitgliedern rund 2500 in diesem Gebiet - so stellen sie 7 von 16 Mitgliedern im Pfarrgemeinderat. Ab nun soll auch die Wohnbezirksarbeit – u. a. Hausbesuche – im Neubaugebiet stattfinden. Unser Vertreter Anton Hofmann und Hermann Krüger von der Gedächtniskirche bauen diese Arbeit auf.

1976 – im Sommer dürfen Vertreter der Gemeinde mit Diözesanbaurat Nicol zusammenkommen und danach Herrn Prof. Franz Josef Mühlenhoff mit der Planung des Zentrums beauftragen. Im Oktober stellt der Pfarrgemeinderat sein Hauptziel der Arbeit vor:

"Weiterbau an einer lebendigen Gemeinde Jesu Christi" – und "Weg von der Versorgungsgemeinde hin zur Gemeinschaft der Glaubenden". Dabei ist der neue Ortsteil noch ohne Gebäude voll einbezogen.

Das Planen geht weiter. Wer einmal ein Haus gebaut hat, weiß darum. Anfang 1977 ist der einstimmig angenommene Vorentwurf zur Beratung frei gegeben. Schließlich kann in der ökumenischen Kirchenvorstandssitzung im Oktober der Bauplan als "Offenes Haus für Menschen" vorgestellt werden – 1000 m² Baufläche für ca. 2.000 000 DM. Und darin sitzen wir heute und hier.

Hätte ich alle diese Daten und Zahlen weglassen sollen?

Ich meine, es ist angemessen, aller dankbar zu gedenken, die auf der ersten Wegstrecke in 20 Jahren für unser Haus gearbeitet haben.

Eine wichtige Entscheidung möchte ich noch erwähnen. Sie fiel endgültig 1982 – es ging um die Verwendung des Restgrundstückes. Die Pfarrgemeinde stellte diese Fläche für sozialen Wohnungsbau an das Gemeinnützige Siedlungswerk Frankfurt zur Verfügung, und so wurden 33 Wohnungen für Senioren und Alleinerziehende gebaut. In 14 Wohnungen leben noch heute die ersten Mieter. Wohnungen für Alleinerziehende war damals nicht einfach durchzusetzen.

Gehen wir zurück ins Jahr 1978 – am 9. September begann der Bau dieses Hauses. In Anwesenheit von Herrn Oberbürgermeister Dr. Armin Klein setzte Herr Pfarrer Schäfer den ersten Spatenstich – kräftig mit einem Bagger – in den Boden.

 

Jubiläumstag St. Franziskus

Pfarrer Josef Schäfer

Ich freue mich riesig, dass ich heute bei Ihnen sein kann, um 20 Jahre St. Franziskus-Zentrum zu feiern. Auch 20 Jahre können die Tatsache nicht ausräumen, dass ich hier Wurzeln gelassen habe. Gerade am Gemeindezentrum St. Franziskus ist abzulesen, welche Chance zum Aufbruch der Gemeinde uns geschenkt war in den Jahren des gemeinsamen Wirkens.

Beim (ersten) Spatenstich für dieses Haus habe ich das Geschehen einen Markstein in der Geschichte und im Leben der St. Johannesgemeinde genannt. Es ging mir dabei darum, an der tief verwurzelten Glaubenshaltung der Gemeinde und ihrer Mitglieder anzuknüpfen. Ich habe daran erinnert, wie stark hier Menschen Heimat und Halt gefunden haben. Wer selbst Halt hat, kann auch anderen Halt geben. Dafür gab und gibt es genügend deutliche Hinweise im konkreten Gemeindedasein.

Was mir zum Zeitpunkt des Neubeginns in diesem Wohnbereich wichtig und bedeutsam war, habe ich damals so ausgedrückt: Tradition ist kein Beharren, sondern lebendige Weitergabe. Dabei waren zum einen die Menschen im Blick, die schon lange in der Gemeinde zu Hause waren und auch ihre Kinder. Es sollte aber bewußt werden, dass viele neue Leute ihren Platz in der Gemeinde finden sollten. Jeder weiß, dass dies kein einfacher Vorgang ist.

Bischof Wilhelm hat damals den Brief geschrieben: Gemeinde von heute - Gemeinde für morgen. In der Konsequenz hieß das: wir können und dürfen nicht warten, wir müssen auf die Menschen zugehen, sie einladen, sie hinführen.

Was zu dem damaligen Zeitpunkt schon eine wichtige Entscheidung war, ist durch die Bau- und Wohnentwicklung um St. Franziskus herum enorm bestätigt. In St. Franziskus öffnet sich die Kirche als Raum der Geborgenheit, sie wird den Fragenden und Suchenden gegenwärtig.

Und ein weiterer Aspekt ist durch die Personalentwicklung in der Diözese heute gerechtfertigt worden. Es gab in den Zeiten der Planung für dieses Haus Gedankengänge, die Arbeit hier zur Selbständigkeit zu führen. Doch es war klar, dass ein Weg dorthin schwer oder kaum begehbar sein würde. So haben wir bereits im Beginn ein Modell vor Augen gestellt, das sich auch ganz offensichtlich bewährt hat. Wir haben nämlich gesprochen von der Ellipse mit den zwei Brennpunkten. Wir haben damit gemeint die eine Pfarrgemeinde St. Johannes mit der Pfarrkirche St. Johannes und dem Gemeindezentrum St. Franziskus. Jedes Zentrum strahlt auf die aus, die es umgeben. Aber die Ausstrahlung bewirkt keine Abschottung und Trennung, sondern wird zum jeweiligen Ausgangspunkt eines gemeinsamen Handelns.

Ich habe eben das Bild vom Ausstrahlen gewählt. Für mich ist das ein Hinweis auf den Sinn von Kirche überhaupt. Sie will und soll nicht Selbstzweck sein, sondern Dienerin der Freude und Dienerin am Leben für alle Menschen. Diese Erkenntnis steht auch beim Bemühen um den Namen für dieses Haus an erster Stelle. Es hat manche Namensanregung in der St. Johannesgemeinde seinerzeit gegeben. Ich weiss, dass ich einen freien Tag benutzt habe, um eine Begründung für den Namensvorschlag St. Franziskus zu erarbeiten. Es war mir klar: hier ist die Chance, durch einen Namen ein Programm auf den Weg zu bringen. Maßgebend für meine Überlegungen war dies: Es sollte eine Persönlichkeit sein, die auch heute den Menschen etwas zu sagen hat, über viele Grenzen und Festlegungen hinweg. Und so habe ich mich gefragt: Wer kann eine solche Bedingung erfüllen? Offensichtlich war das Ergebnis für mich so einleuchtend, dass ich noch heute kein Dokument benötige, um die Begründung in Erinnerung zu rufen. St. Franziskus ist für mich eine Persönlichkeit, die alt und jung fasziniert. Seine Klarheit und Entschiedenheit fordert heraus und gibt eine bedeutende Orientierung.

St. Franziskus ist ein Heiliger, der noch vor der Spaltung der Konfessionen gelebtes Evangelium war. Ich habe ihn verstanden als einen Brückenbauer zwischen den getrennten Christen (von heute).

St. Franziskus bedeutete zu seiner Zeit eine Herausforderung für die Gesellschaft. In seinem eigenen Leben wurde deutlich der Gegensatz zwischen arm und reich. Er hat durch seinen Weg den Armen und Vernachlässigten wieder ein Gesicht gegeben.

St. Franziskus ist ein Mann, der seine Kirche geliebt hat und um ihre Erneuerung gerungen hat. Er hat sie durch sein Zugehen auf die Menschen geöffnet, sie einladend gemacht. Kann es heute ein aktuelleres Menschenzeichen geben?

Und wie ein herausragender Schlusspunkt durfte ein Jahr später das Kreuzfest der Diözese gefeiert werden. Es trug sinnigerweise das Leitmotiv: Ihr seid das Salz der Erde. Wie eine zusammenfassende Urkunde all unserer Planungen, Ideen, Einsatzfreuden und beglückenden Erfahrungen durfte mir das erscheinen. Für mich hat das dann gelautet: Wenn es am schönsten ist, soll man gehen.

Ich danke Ihnen allen.

 

Besinnung auf die Aufgaben einer Kirchengemeinde

Georg Kohl

Das Gemeindezentrum St. Franziskus ist in einem früheren Neubaugebiet als Kristallisationspunkt für eine Kirchengemeinde in dieser Lokalität entstanden. Nach 20 Jahren sollte man sich mit den Menschen im Gluckensteingebiet – früher auch Eichenstahl genannt – wieder daran erinnern, welche Aufgaben jede Kirchengemeinde eigentlich hat. Diese Aufgaben gelten selbstverständlich auch für einen Gemeindeteil im Neubaugebiet, wie es Eichenstahl einmal war.

Die Aufgaben der Kirchengemeinde sind bestimmt vielfältig. Sie aufzuzählen ist nicht einfach. Ich möchte erst das nennen, was ich zu solchen Aufgaben nicht zähle. Es geht nicht darum, die getauften Christen an die Kirche zu binden und ihnen die kirchlichen Vorschriften einzuschärfen. Es geht auch nicht darum, die Sonntagspflicht zu erfüllen oder die Kirche im Ort zu repräsentieren. Und es geht auch weder darum, "die Reinheit der Glaubenslehre" zu hüten noch "die Einhaltung der Moralgrundsätze" zu überwachen.

Vielmehr geht es darum, die Gemeinschaft im Namen Jesu Christi in einer konkreten kleinen Umgebung zu gestalten, zu leben und darzustellen. In dieser kleinen, konkreten Umgebung sollte die Kirchengemeinde das Zeichen der Zuneigung Gottes zu den Menschen, ja Zeichen seiner Liebe zu uns sein. Die Aufgabe der Kirchengemeinde ist, das Evangelium zu verbreiten. Damit ist nicht die Missionierung gemeint. Evangelium ist die Frohe Botschaft, die alle Menschen für das Bestehen im Leben benötigen. Die Kirchengemeinde sollte auf der Basis dieser frohen Botschaft eine Atmosphäre der Freundlichkeit, der Hoffnung und des Vertrauens unter den Menschen verbreiten.

Die Versöhnung in unserer unfriedlichen und zerstrittenen Zeit zu stiften ist die wichtige Aufgabe. Die Kirchengemeinde sollte den Menschen – allen Menschen – beim Bemühen helfen, sich wieder zu versöhnen. Falls die Schritte zur Versöhnung noch nicht angetreten sind, sollte sie beim Abbau des Misstrauens kräftig mitarbeiten. Sie sollte zur Hilfe für diejenigen bereit sein, die sie benötigen und bereit sind, sie anzunehmen.

Aber es geht auch darum, von dem Gott zu reden, mit dem sich die Kirchengemeinde verbunden weiss. Denn es gibt nur wenige Worte, die bei Menschen so unterschiedlich verstanden und häufig auch missverstanden werden, wie das Wort "Gott". Eine Kirchengemeinde sollte nicht müde werden, darüber aufzuklären, dass sie weder den Gott der Philosophen, noch den Lückenbüßer-Gott, noch den alles beobachtenden Moralpolizisten, noch irgendeine nebulöse Vorsehung, noch die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse meint, sondern Gott, der uns aus der Bibel bekannt ist und der als seinen Namen "Ich bin der, der für dich da ist" angibt. Schon der grössere Teil der Bibel ist prall gefüllt mit dem Kampf um das Bild dieses Gottes und gegen die Neigung der "religiösen" Menschen, sich aus ihm einen Götzen nach eigenen religiösen Bedürfnissen zu machen. Die Missverständnisse um Gott aufzuklären und auf Gott der Bibel hinzuweisen, welchen uns Jesus Christus als Vater zu nennen gelehrt hat, ist wichtige Aufgabe der Kirchengemeinde.

Aus eigener Erfahrung und aus der öffentlichen Meinung ist bekannt, dass es viele gottsuchende Menschen gibt. Es wäre sehr zu wünschen, wenn Christen aus den Kirchengemeinden darüber berichten könnten, dass die Suche nach Gott ein Weg in das eigene Ich ist. Die Suchenden sollten von der Gewissheit der christlichen Mystikerinnen und Mystiker erfahren, die das Gott-Finden und das Sich-Selbst-Finden als eins und dasselbe erlebt haben.

Die Verbreitung von Liebe, Hoffnung und des Vertrauens (d.h. des Glaubens) unter den Menschen ist die Dimension, in der die Kirchengemeinde lebt. Es geht nicht darum, dass die Menschen fromm werden, dass sie die Glaubenslehre beherzigen, sondern darum, dass sie nach dem Willen Gottes die Fülle den eigenen Lebens erreichen. Und eine Kirchengemeinde kann dabei helfen, wenn sie die Menschen mit Liebe, Hoffnung und Vertrauen "anstecken" kann. Dazu sollte sie selbst damit ausreichend "befallen" sein.

 

Impressum

© Herausgeber: Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes, Am Kirchberg 2,
61350 Bad Homburg v.d.Höhe-Kirdorf, Oktober 2001

Anlass: 20jähriges Bestehen des Gemeindezentrums

Redaktion: Natalie Kohl und Georg Kohl

Druck: Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes

Auflage: 100 Stück